Auf Mallorca gibt es keinen Winkel mehr, der nicht auf einer Karte steht. Was einen großartigen Ort von einer Autoschlange trennt, ist selten der Ort selbst, sondern die Uhrzeit und der Weg: Straße oder Meer. Hier ist dieser Unterschied am größten.
01Cala Tuent, die Nachbarin von Sa Calobra
Sa Calobra ist das Postkartenmotiv der Serra und zugleich ihr Stau: Die Straße am Nus de la Corbata fällt dreizehn Kilometer in Serpentinen ab und ist mittags eine Reihe von Reisebussen. Cala Tuent liegt eine Abzweigung früher, in derselben großen Bucht, mit dem Massiv des Puig Major darüber und einem Bruchteil der Menschen.
Vom Wasser aus ist der Unterschied noch größer: Sie ankern davor und steigen ins Meer, ohne einen Meter gefahren zu sein. Es ist einer der Stopps, die allein schon dafür sprechen, die Nordküste mit dem Boot statt mit dem Auto zu machen.
02Sa Dragonera — täglich gesehen, fast nie betreten
Die Insel vor der Küste von Andratx ist Naturpark und wird ab Sant Elm in kurzer Überfahrt erreicht. Fast alle, die dort ihren Sommer verbringen, schauen sie von der Terrasse aus an und setzen nie einen Fuß darauf.
Es gibt keine Bars und keinen Schatten: Wege, endemische Eidechsen, Steilküste. Man fährt früh, nimmt Wasser mit und ist zum Mittagessen zurück. Genau diese Kargheit hält die Insel auch im August leer.
03Die Dörfer der Serra um neun Uhr morgens
Fornalutx, Biniaraix und Orient stehen auf jeder Liste der schönsten Dörfer — der Tipp ist also nicht der Ort, sondern die Uhrzeit. Um neun Uhr morgens sind es Steindörfer, in denen man das Wasser in den Bewässerungsgräben hört; um zwölf sind sie ein Parkplatz mit Busgruppen.
In Biniaraix beginnt außerdem der Barranc hinauf Richtung Cornadors. Sie müssen ihn nicht ganz gehen: Schon die ersten zwanzig Minuten auf gepflasterten Stufen verändern den Maßstab des Sóller-Tals.
04Essen, wo die Einheimischen essen
Auf dem Weg hinauf zum Castell d'Alaró liegt Es Verger, ein Landhaus mit Holzofen, erreichbar über eine schmale Straße, die Mietwagenfahrer erschreckt. Man kommt wegen des Lamms — vorher anrufen lohnt sich.
An der Ostküste ist Portocolom noch immer ein Fischerhafen mit bemalten Bootshäusern und Restaurants, die das ganze Jahr arbeiten und nicht nur eine Saison. Es ist der genaue Gegenentwurf zu einer Luxusmarina — und eine halbe Stunde von einer entfernt.
05Was sich nur vom Wasser aus öffnet
Südlich von Colònia de Sant Jordi liegen Sandstrände wie Es Carbó, zu denen keine Straße ans Ufer führt: Entweder Sie laufen ein gutes Stück oder Sie ankern davor. Im August ist diese Zugangshürde mehr wert als jede Empfehlung.
Dasselbe gilt für die Steilküste zwischen Sa Foradada und Deià oder für die kleinen Buchten der Küste von Artà. Ein Tag ab 550 € mit Skipper und Boot löst den Zugang zu allen, ohne dass die Parkplatzfrage darüber entscheidet.
Gibt es auf Mallorca noch wirklich geheime Orte?
Praktisch nicht — die Insel ist vollständig fotografiert. Geblieben sind Orte mit Zugangshürde: ohne Straße bis ans Ufer, mit Fußmarsch davor oder nur vom Meer aus erreichbar. Dazu die Tageszeiten, zu denen sich die bekannten Orte leeren.
Wann sollte man die Dörfer der Serra besuchen?
Vor zehn Uhr morgens oder nach sechs Uhr abends. Dazwischen treffen die organisierten Ausflüge ein, und die Parkplatzsuche wird zum eigentlichen Problem des Besuchs.
Wie kommt man nach Sa Dragonera?
Mit einer kurzen Überfahrt ab Sant Elm an der Südwestspitze der Insel. Es ist Naturpark ohne Infrastruktur: Wasser und feste Schuhe mitnehmen und früh aufbrechen, denn die Wege liegen ohne Schatten.
Lohnt sich die Nordküste per Boot statt per Auto?
Für den Abschnitt der Serra ja. Die Straße nach Sa Calobra sind dreizehn Kilometer Serpentinen mit Busverkehr, während Sie vom Meer aus vor Buchten wie Tuent ankern, ohne gefahren zu sein, und Steilküstenabschnitte erreichen, zu denen keine Straße führt.


